Mein Babysitterfreund, der Fernseher

Warum du dich nicht schlecht fühlen solltest, wenn du dein Kind vor dem Fernseher parkst

Es gab einen Zeitpunkt in meinem Leben, da war ich die perfekte Mutter. Mein Kind bekam nie etwas Zuckerhaltiges, ich war niemals genervt und stets aufmerksam, und mein Kind sah auch nicht in einen Bildschirm, bis es nicht mindestens fünf Jahre alt war. Es würde ja sonst mental und emotional von den schnell wechselnden Bildern überfordert! Und vor allem setzte ich die Glotze niemals als Babysitter ein, sondern suchte ein Programm nach pädagogisch sorgsam ausgewählten Gesichtspunkten aus. Dann begleitete ich mein Kind liebevoll und unterstützend beim gemeinsamen Fernsehen, als Familienevent sozusagen… Dieser Zeitpunkt war, als ich noch kein Kind hatte.

Tja, und jetzt? Jetzt bin ich nicht nur in der Realität, sondern auch noch in der verschärften Single-Mama-Version der Realität angekommen. Mein geliebtes Kind guckt an manchen Tagen eine ganze Stunde in die Röhre und guckt einen „Maus-Clip“ nach dem anderen (noch OK), oder (schlimmer) ziemlich stupide, schlecht animierte Filmchen à la „Der kleine Bagger und seine Freunde“ auf Teletubby-Niveau. Sitze ich wenigstens liebevoll-begleitend daneben? Keineswegs! Ich stöpsle mir die Ohren zu, sage „Mama ruht sich jetzt aus“ und lege mich andersrum aufs Sofa um einzudösen. Vorher noch dem Kind die Milchpulle in die Hand gedrückt, dann ist die Chance auf Ruhe recht hoch.

Am Anfang dachte ich noch „Das ist jetzt aber mal eine Ausnahme!“ und nahm mir fest vor, am nächsten Tag auf keinen Fall wieder der magischen Anziehungskraft dieses Geräts zu verfallen, das mein Kind in Sekundenschnelle paralysiert und sofort (!!!) ruhigstellt. Nun ja, was soll ich sagen? Der Vorsatz ist gründlich gescheitert. Inzwischen ist mir klar: Der Fernseher ist gar keine Droge für Kinder. Er ist in Wirklichkeit eine Droge für übermüdete Eltern! Und von Drogen soll man sich fernhalten, nicht wahr?

Und jetzt: Peng! Im Gegenteil! Ich behaupte: Der Fernseher macht mich zu einer besseren Mutter! Jeder Moment, in dem ich mich mal ausruhe, füllt meine Speicher wieder auf. Und diesen Speicher brauche ich, für magere Zeiten – und die sind häufig! Denn in meiner kleinen Familie ist in der Regel nie mal jemand anderes da, der sich mal um den Rabauken kümmert, sodass ich duschen/schlafen/Wäsche aufhängen/kochen/Kaffeetrinken/mit der verzweifelten Freundin telefonieren kann. Wie unendlich dankbar bin ich da Netflix und Youtube und der phantastischen hypnotisierenden Wirkung meines Zaubergerätes! Ohne diese freundlichen Helfer würde ich es nicht schaffen. Oder zumindest nicht so gut und mit einem Bein im Nervenzusammenbruch. Ich kann mal durchatmen. Ich habe wieder Kraft für mich und nach einer Stunde Pause vom Kleinkind-Geplapper kann ich dem Kleinen auch wieder zuhören.

Und das, liebe Single Mamas, ist die viel beschworene, doch selten verstandene Selbstfürsorge! Eine Auszeit zu nehmen, wenn für alles gesorgt ist und deine Kinder pädagogisch wertvoll anderweitig betreut werden – das ist nett … kommt ja aber in der Realität eher selten vor. Irgendwas ist schließlich immer. Nein, Selbstfürsorge bedeutet, sich auch gegen soziale Normen, gegen das vermeintlich Bessere, gegen die Interessen anderer, völlig eigennützig und selbstbezogen, etwas zu nehmen. Einfach, weil man es braucht. Und man braucht meist doch viel mehr, als man sich selber zugesteht.

Und ihr braucht kein schlechtes Gewissen zu haben! Ihr seid 1a Mütter, wenn ihr euch diese Pausen zugesteht und die Kinder in Bildschirme gucken lasst– ja, auch, wenn die Kinder noch recht klein sind und auch wenn es länger ist, als gemäß irgendeiner psychologischen Einschätzung nach empfohlen. Denn selbst, wenn ihr es irgendwie ohne schaffen würdet – ist es nicht herrlich, wenn es nicht nur „irgendwie“ läuft, sondern vielleicht „okay“ oder sogar „gut“? Das dürft ihr euch zugestehen. Und mit dieser Haltung, da bin ich mir sicher, seid ihr euren Kindern ein Riesenvorbild!

….Oh, schon 18:30 Uhr??? Der Kleine guckt ja jetzt schon seit über einer Stunde! Lebt er eigentlich noch? Ja, höre ihn kichern. Und was hab ich gemacht? Den heutigen Blogartikel geschrieben! Etwas, das mir am Herzen liegt und mein Leben bereichert. Danke, mein Babysitterfreund. Danke, Fernseher!

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