Eine Minimalistin und ihre Sehnsucht nach Luxus!

Eine ehrliche Stellungnahme zum Konsum und einer minimalistischen Lebensweise.

Jaja, ich bin also Minimalistin. Eine ganz tolle und super moderne Single Mama, die sich der Freiheit von emotionalem und materiellem Ballast zugewendet hat. Zumindest ist dies der Weg, den ich seit längerer Zeit zu beschreiten meine. In vielen Stunden Arbeit habe ich Dinge aussortiert, weggeworfen, gespendet, verschenkt. Habe mich gefragt: „Brauche ich das wirklich?“ – und habe dann nichts gekauft. Habe Kinderkleidung gebraucht erworben, um Fast Fashion etwas entgegenzusetzen. Habe Spielzeug weggeräumt. Ich habe kein Kinderzimmer, und vermiete einen Raum bei mir zuhause. Es ist mir durchaus ernst!

Und jetzt kommt Weihnachten. Es gab Weihnachtsgeld. Und ich habe… Gelüste! Ich will KAUFEN!

Was denn? Weihnachtsgeschenke für das Kind. Kinderklamotten (nämlich neue (!), mit leuchtenden Farben und tollen Mustern, die praktisch und modisch zugleich sind, nicht dieser ausgewaschene Kram). Dekoration für Weihnachten. Elektronische Geräte: Einen Bluetooth-Lautsprecher, einen SMART TV. Einen Buddha fürs Wohnzimmer. Neue Kommoden im Schlafzimmer. Ein sexy schwarzes Kleid zum Ausgehen. Neue Schuhe. Viele, viele Schuhe! Echten Goldschmuck. Ein neues Parfüm. Eine schicke Lederhandtasche. Einen tollen Wintermantel (habe schon einen, aber einen richtig wettertauglichen für die Kur im Januar). Ach, wär‘ es schön, irgendwann ein neues Auto mit mehr PS zu habe… ein Haus oder eine Eigentumswohnung…. Jährliche Reisen… ich will GELD, für diese SACHEN, für dieses LEBEN!

…Puh. Manchmal wird das Verlangen nach diesen Dingen ganz schön heftig.

Tatsächlich war ich schon Weihnachtsgeschenke für meinen Mäuserich kaufen. Neue, aus dem Geschäft. Ein Playmobil-Feuerwehrauto, zwei große Dino-Figuren und ein Dino-Buch. Und ich musste mich schwer bremsen, nicht noch mehr zu kaufen. Und dann war ich auch noch bei einer sehr bekannten Modekette und habe einen Dino-Pullover für den Kleinen gekauft, weil, ihr erratet es, Dinosaurier gerade sehr hoch im Kurs stehen. Ich hatte ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Und einen Adventskalender habe ich auch noch gemacht, mit Süßigkeiten und ein paar Mini-Autos, die am Ende nur herumfliegen werden, weiß ich jetzt schon.

Tja, du inkonsequente Pseudo-Minimalistin! Ich dachte, man solle sich von Besitz trennen? Bloß nichts Neues anhäufen. Alles ökologogisch korrekt und biologisch-organisch klimaneutral hergestellt. Kein Plastik mehr und Zero Waste. Auf Wiedersehen Konsum, damit man sich frei fühlt und sich den wichtigen Dingen im Leben zuwendet.

Ja, finde ich absolut richtig. Schaff ich aber nicht immer! Was mach‘ ich denn nun mit meinen Sehnsuchtsanfällen?

Erstmal – nichts. Die Gelüste sind einfach da, und kommen immer mal wieder. Ich habe in den letzten Monaten gemerkt, dass sich das zyklisch verhält. Eine sehr konsequente, minimalistische Phase, dann bin ich sehr erleichtert und auch ein wenig erledigt – denn diese minimalistische Nummer durchzuziehen kostet erstmal Kraft, das möchte ich nicht verschweigen. Obwohl ich losgewordenen Kram fast nie vermisse und mich insgesamt glücklicher fühle ohne so viel Zeug. Dann läuft der Alltag weiter und spätestens, wenn der Mäuserich ein paar Tage bei seinem Papa ist, dann fühle ich manchmal eine Leere. Ich vermisse den Kleinen dann sehr und meistens passiert es in diesen Momenten, dass ich den dringenden Wunsch verspüre, ein Spielzeug für ihn zu kaufen.

Oder ich fühle mich allein und vielleicht sogar unattraktiv. Ich will mich aber lebendig und sexy und geliebt fühlen. Dann habe ich den Wunsch nach schöner Kleidung, einem Frisörbesuch, einer eleganten Handtasche. Denn ich denke wohl, dass ich mich wertvoller fühle, wenn ich etwas Teures anhabe? Und das bescheuerte Smart-TV (werde ich nicht kaufen!), das ich mir manchmal wünsche? Die Eigentumswohnung? Das teure Auto? Sie stehen wohl für den Wunsch, nicht die „Verliererin“ zu sein, sondern „Jemand“, der „es“ geschafft hat, der einen hohen sozialen Status hat, und nicht mit einem Bein in der Altersarmut steht. Der reich und deshalb unangreifbar, begehrt, bewundert, geschützt ist.

Ja – diese wahren Bedürfnisse liegen meinen Luxus-Sehnsüchten zugrunde. Und ich denke, dass es ein phantastischer Fortschritt ist, diese überhaupt zu spüren und wahrzunehmen. Und dann zu hinterfragen. Es ist halt an manchen Tagen unendlich schwer, den Dauer-Suggestionen lebenslanger aggressiver Werbung etwas entgegenzusetzen. Und manchmal gebe ich dann nach.

Aber ich werde mich dafür nicht fertigmachen. Ich werde die Dinge, die ich gekauft habe, genießen, auch wenn es vielleicht nur eine flüchtige Befriedigung ist – und mich dann wieder zurückbesinnen auf die Werte, die ich anstrebe. Im Laufe der Zeit hat sich meine Einstellung zu materiellem Besitz ganz schön geändert. Ich kaufe und konsumiere immer noch, aber es ist deutlich weniger als früher. Und was mir früher wie eine normale Shopping-Tour erschien, das käme mir heute wie eine unglaubliche Verschwendung vor. Ich bin, auch wenn ich mal konsumiere, deutlich wählerischer und zurückhaltender geworden.

Das führe ich mir vor Augen, wenn ich meinen Prinzipien mal nicht ganz treu geblieben bin. Minimalismus ist nicht ein Ziel, das man irgendwann erreicht, sondern ein selbstgewählter Weg zu mehr Freiheit und Zufriedenheit – und auch wenn der Pfad zwischendurch mit Luxus-Gelüsten gepflastert ist: Ich gehe weiter!

(PS: Das Kleid auf dem Beitragsbild habe ich übrigens nicht gekauft. Hätte ich aber gerne.)

5 Kommentare zu „Eine Minimalistin und ihre Sehnsucht nach Luxus!

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  1. Das Wichtigste ist doch, dass du dir keinen Stress machst. Glaube mir, es ist ein langer Prozess, aber irgendwann lassen auch die Gelüste nach – bei mir hat es gute 4 Jahre gedauert und heute überlege ich bei (fast) jedem Teil 3x, ob ich es wirklich kaufen will bzw. brauche.

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  2. Vielen Dank für den lieben Kommentar! Genau, die Reduktion von materiellem Ballast soll ja befreien, nicht stressen. Ich finde vor allem interessant zu sehen, wie hinter den Gelüsten fast immer ein tiefer liegendes Bedürfnis steckt. Darauf möchte ich noch mehr achten in Zukunft! Heute ist mein Sohn wieder bei mir- und ich habe plötzlich überhaupt keine Kauflust mehr. 🙂

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  3. Super Artikel! Schlau analysiert und total nachvollziehbar. Ich finde, manchmal macht es auch einfach Freude, z. B. etwas Neues zum Anziehen zu haben, wenn man sich an allem richtig satt gesehen hat. Klar, das lässt nach und irgendwann ist das neue Teil auch nicht mehr neu. Aber wenn man seine Kaufgelüste hinterfragt und nur in einigen Fällen nachgibt, hat man doch schon viel erreicht!

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    1. Man sollte niemals die Macht des Anfangens unterschätzen! Viele Vorsätze oder Veränderungen scheitern nämlich schon, bevor man überhaupt angefangen hat: indem man den Berg sieht und glaubt, eine Steilwand vor sich zu haben. Aber man kann auch leichten Fußes erstmal ein paar Schritte aus dem Tal heraustreten, Richtung Gipfel 🙂 Und dann macht man weiter… Und auf einmal hat man ein ganz anderes Leben.
      Also immer weiter anfangen! 🙂

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