Mein Brief an mich – drei Wochen nach der Mutter-Kind-Kur

Was ich mir nach drei Wochen Nordsee-Kur selbst zu sagen hatte

Letztes Jahr im Sommer: Ich saß heulend bei meiner Hausärztin und wusste nicht, wie ich weitermachen soll  – vollkommen erschöpft, überfordert und entkräftet. Sie schlug vor, was vermutlich jede Single Mama schon mal vorgeschlagen bekam – Mutter-Kind-Kur. Trotz unterschiedlichster Berichte aus dem Netz, von ganz toll bis ganz schrecklich, gab ich der Sache eine Chance. Und obwohl viele Anträge erstmal von der Krankenkasse abgelehnt werden, wurde meiner überraschenderweise sofort genehmigt.

Im frühen Herbst hatte ich meinen Bescheid. Es sollte nach Norden, Norddeich, gehen, am Meer, gegenüber den ostfriesischen Inseln. An alle, die jetzt an Badeurlaub denken, das festgelegt Datum lautete: Dritter bis 24. Januar. Brrrrr!!! Obwohl ich damals sofort, nicht erst nach einem halben Jahr eine Kur gebraucht hätte, war ich trotzdem froh über die Zusage – Zeit hat ja die manchmal unerbittliche, manchmal gnädige, auf jeden Fall sehr zuverlässige Eigenschaft, zu vergehen. Die Kur würde also kommen. Allein das zu wissen, war oft ein Halt für mich, das Wissen um einen zukünftigen Erholungspunkt und eine Pause. Kurz nach Silvester war es dann endlich soweit und ich saß mit viel Hoffnung, dicken Wintersachen und meinem Mäuserich im Gepäck im Zug.

Die Kur in kurzen Worten: Die Unterbringung war sehr gut, in einem zwar etwas altbackenen, aber gut ausgestatteten und gepflegten Apartment. Die Klinik war in meinen Augen gut geführt und organisiert. Es gab vormittags und nachmittags einen „Kindertreff“, in dem eine liebevolle Kinderbetreuung angeboten wurde, was nach zwei tränenreichen Tagen gut klappte. Das Essen war zwar etwas sehr fleischlastig, aber recht abwechslungsreich und frisch. Die psychosozialen Angebote (Gespräche, Gruppenaktivitäten, Entspannungstechniken, etc.) waren größtenteils sinnvoll und die Anwendungen (Massagen, Sport, Wärmepackungen…) waren auch vernünftig zusammengestellt. Die Mitarbeiterinnen waren sehr um eine aufmerksame Betreuung bemüht und so kam jeden Tag jemand zu uns an den Familientisch, um sich nach unserem Wohlergehen zu erkundigen. Mit den anderen 36 Müttern kam ich eigentlich trotz großer Unterschiede gut zurecht, und die Stimmung unter uns Mamas war sehr gut. Ich kann das Haus wirklich weiterempfehlen und würde auch wieder dorthin, wenn ich in zwei oder drei Jahren vielleicht nochmal in Kur gehen sollte. (Hier findet ihr die Internetseite der Klinik).

Am Ende der Kur gab es dann noch ein Angebot, bei dem die Mütter einen Brief an sich selbst schreiben sollten. Etwas, das man sich selbst mit auf den Weg geben will. Der Brief kommt in ein Kuvert und wird dann drei Wochen nach der Kur an die Mütter nach Hause geschickt.
Ich möchte hier gern mit euch teilen, was ich mir selbst zu sagen hatte:


Liebe Mama-Minimalista!

Seit drei Wochen bist du nun wieder Zuhause. Ich hoffe, du bist gut angekommen. Ich bin gespannt, wie dein Date mit XY war (Anmerkung – ich hatte ein Date in der Pipeline und es war ein Reinfall). Hauptsache, du bist dir selbst treu geblieben (Anmerkung – bin ich, ich habe es dabei belassen!). Du hast einiges gelernt in dieser Kur, und obwohl du dich schon auf Zuhause gefreut hast, hoffe ich, dass du viel von dem umgesetzt hast, was du dir vorgenommen hast und die Erkenntnisse, die du hier gewonnen hast, nicht vergisst.
Eigentlich wolltest du ja von allem wegkommen und dich endlich mal nicht mit deinem Exmann auseinandersetzen müssen. Und was passierte dann? Das Thema hat dich eingeholt. Du hast hier gemerkt, dass du noch ganz schön an dem Zerbrechen deiner Ehe und Familie zu knabbern hast und das noch nicht richtig verarbeitet hattest. Nachts hattest du plötzlich Albträume und tagsüber Sehnsuchtsanfälle nach ihm und einer heilen Familie. Aber ich bin stolz auf dich, dass du das nicht weggedrückt, sondern die Trauer zugelassen hast. Gleichzeitig war dir sehr klar, dass die Trennung eine richtige Entscheidung war. Lies regelmäßig die Liste mit deinen Trennungsgründen, die du dir hier geschrieben hast, wenn du dir unsicher wirst. Du bist viel glücklicher und freier jetzt, trotz aller Beschwerlichkeit! Vergiss das nicht!

In der dritten Woche wurde dir hier alles langsam langweilig. Und ich glaube, das war sehr nötig. Dieses Gefühl kanntest du überhaupt nicht mehr! Du warst daran gewöhnt, dich permanent in einem Stressmodus zu befinden und dauernd mit kleineren und mittleren Katastrophen (krankes Kind, unzuverlässiger Exmann, gestörter Nachbar, etc. etc.) beschäftigt zu sein. Und wenn mal Leerlauf war, hast du es seit der Trennung häufig mit Ablenkung gefüllt. Die Ruhe hat dir sehr gutgetan. Ich glaube, es ist sinnvoll, wenn du diesen Leerlauf an deinen kinderfreien Tagen öfter mal zulässt und dich nicht so ablenkst. Weniger Dates, weniger Netflix-Bingewatching. Trink lieber mal in Ruhe einen Tee oder geh ein wenig spazieren, das hat dir hier in der Kur so gutgetan.
Ich hoffe auch, dass du mit dem Meditieren weitergemacht hast. Zehn Minuten am Tag solltest du dir wert sein, liebe Mama Minimalista! Es hat schon nach wenigen Tagen geholfen, dass deine aufgewühlten Gefühle und Gedanken ruhiger wurden. Wenn du es inzwischen unterbrochen hast, dann fang bitte wieder damit an!

Und jetzt, liebe Mama Minimalista, der wichtigste Punkt: Mach dir bitte keine Sorgen mehr, dass du deinen Mäuserich in irgendeiner Weise „verlieren“ könntest oder dass du eine schlechte Mutter wärst. In den drei Wochen hier hast du gemerkt, wie innig, vertrauensvoll und sicher eure Beziehung ist. Du hast beobachtet, welche Beziehungsprobleme manch andere Mutter mit ihren Kindern hat und davon trennen dich glücklicherweise Welten! Die anderen Mütter haben dich oftmals auf deine liebevolle und geduldige Art mit deinem Sohn angesprochen. Es hat dir sehr gutgetan, mal „außer Konkurrenz“ zu sein. Und du hast jetzt verstanden, dass es keinen Grund gibt, dich mit dem Vater deines Kindes in einer Art Wettstreit zu sehen. Ich verstehe, warum du so gedacht hast und wer oder was in dir solche Ängste ausgelöst hat. Aber das musst du nicht mehr.

Versuche, dem Vater deines Kindes mehr Verantwortung zu übergeben und Aufgaben zu delegieren, wenn irgend möglich, und freue dich, wenn dadurch Freiräume für dich selbst entstehen. Solange du nicht den Fehler machst, dich darauf zu verlassen, ist das völlig in Ordnung. Vor allem brauchst du dir keine Sorgen um deine Rolle als Mutter zu machen. Die ist bombensicher.
Lass los und tu etwas für dich, wann immer du kannst. Und alles andere – Doktorarbeit, Blogartikel schreiben, Minimalisieren, Steuererklärungen schreiben… das bekommst du schon hin. Da bin ich mir sicher.

In Liebe,
Deine Mama Minimalista

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Impressionen aus der Mutter-Kind-Kur

 

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