Unter freien Menschen

Bist du die einzige Mutter im Freundeskreis? Manchmal weiß keiner, wie es ist und was dir helfen könnte? Wie du trotzdem in Verbindung bleibst!

Letzten Sonntag hatte ich einen der schwärzesten Tage der letzten Monate. Es war Übergabetag und beim Ex schien noch alles gut gewesen zu sein. Ich hatte ein „get together“ mit „Grillen, Chillen und Akrobatik“ im Park arrangiert, mit einem Haufen sehr guter Freunde und vielversprechender neuer Kontakte, mit denen ich mich an kinderlosen Tagen in letzter Zeit oft getroffen hatte.

Die sympathischen Menschen dieser Gruppe haben sehr offene Beziehungsvorstellungen, alternative und progressive Gesellschaftsvorstellungen, sprechen von Gemeinschaft, Gefühlen und Kontakt. Ich fühle mich dort wohl, weil ich mich nicht verurteilt und gescheitert fühle, ich bin einfach Mama Minimalista, die auch noch einen Sohn hat und die mit dem Vater des Kindes halt nicht mehr zusammen ist. Familie kann ganz anders aussehen, wissen diese Menschen, und sind offen und undogmatisch. Manchmal kann ich mit dem ganzen „Gefühlskram“ nichts anfangen (obwohl ich selbst extrem viel über Gefühle spreche), das (Single) Mama-Dasein hat mich in vielerlei Hinsicht auch sehr pragmatisch gemacht und vielleicht auch idealistische und romantische Tendenzen ein wenig eingestampft. Muss halt funktionieren. Die Wäsche muss auch gemacht werden. Und das Kind ist gar nicht begeistert davon, wenn man mit vielen Leuten in „Kontakt“ geht, es will und braucht viel Rückzugs- und Schonraum. Aber dass ich manches anders sehe, stört überhaupt nicht, denn man muss ja nicht immer zu 100% das gleiche Lebens- und Beziehungskonzept haben, um andere Menschen sehr gern zu haben.

Und daher dachte ich, ein kleines „get together“ (das habe ich so genannt, weil es cool und progressiv klingt) geht doch, ich spiele mit dem Kleinen auf der Wiese, vielleicht spielt auch mal jemand anderes mit ihm, dann plaudere ich zwischendurch mal mit dem ein oder anderen, ich mach selbst ein wenig Akrobatik, was mein Sohn ganz cool findet. Viele Leute kannten den Kleinen auch noch nicht, und da wir gemeinsam einen Urlaub geplant haben, wollte ich, dass sie ihn zumindest mal gesehen haben.

Manch eine mitlesende Mama wird an der Stelle schon den Kopf schütteln. Und eigentlich weiß ich es ja selbst: Hohe Erwartungen an ein Event (und die hatte ich), viele andere (kinderlose) Erwachsene und ein Dreijähriger, der gerade am Übergabetag vom heiß geliebten Papa zurückkommt. Sehr schlechte Kombination. Und so entwickelte es sich mittelschwer katastrophal. Der Mäuserich schrie nämlich nur noch, sobald der Papa die Tür zugemacht hatte. Zu Papa! Milch! Keine Milch! Zu heiß! Zu kalt! Nein, nein, nein! Mama weg! Nicht weggehen! Mamaaaa! Maaaaam!!!!

Uffff! Er schien wirklich ein wenig angeschlagen, aber wirkte vor allem unendlich müde und in dem Zustand schläft er normalerweise ein, sobald der Motor des Autos angeht. Ich dachte also – gut, ich fahre trotzdem, er wird im Auto schlafen und danach geht es ihm besser. Aber Pustekuchen. Er schlief überhaupt nicht ein, auch im Buggy nicht. Insgesamt setzte sich seine Stimmung mit kurzen Unterbrechungen fort, während des gesamten „get togethers“ und ich rannte hinter ihm her, tröstete ihn, versuchte ihm vorzulesen. Es gipfelte darin, dass er am Ende nur noch schrie „Nach Hause! Nach Hause! Nach Hause!“ und ich ihn nur noch packte und ins Auto verfrachtete. Und ohne Verabschiedung abdüste. Zuhause schlief das Kind drei Stunden lang, kotzte danach das Bett voll und war anschließend wieder ein wenig besser drauf. Ich hätte ihn nicht dahinbringen dürfen.

Aber es geht in diesem Post nicht nur darum, dass ich auf mein Gefühl (und mein Kind) hätte hören müssen und dass ich nicht so hohe Erwartungen haben sollte, schon gar nicht mit Kleinkind im Gepäck. Die Dinge annehmen, wie sie kommen. „Get togethers“ kann man auch nochmal organisieren. Es geht um das Gefühl, dass ich in dieser Situation inmitten meiner Freunde hatte. Kaum jemand schien uns wahrzunehmen. Alle schienen glücklich weiterzumachen und saßen im Kreis mit dem Rücken zu uns. Alle aßen in Ruhe, machten ein wenig Akrobatik, standen entspannt beim Grill und redeten über gewaltfreie Kommunikation. Einige kuschelten und knutschten herum. Mein Stresspegel lag zum Schluss bei 200% und meine Verzweiflung wuchs. Einsam, alleingelassen, traurig und wütend fühlte ich mich. Und das war auch räumlich zu spüren, denn ich befand mich nicht in der Mitte, zwischen den ganzen Menschen, sondern am Rand, allein. Als ich mit meinem leidenden Sohn zum Auto eilte, rannten mir Tränen über die Augen.

Ich muss zugeben, in abgemilderter Form habe ich mich schon öfter so gefühlt – und zwar, wenn ich meinen Sohn mit zu einer Gruppe kinderloser Freunde genommen habe. Nun ist es nämlich so, dass der sich leider weigert, dann einfach easy mit uns rumzuhängen, sondern sofort an Mama klebt und Aufmerksamkeit fordert Rückhalt braucht und es unmöglich ist, sich mit irgendjemandem zu unterhalten. Er ist zwar ein offenes Kind, aber gerade mit fremden Erwachsenen braucht er eine Weile. Die Zeit nehmen sich viele, die anfangs gute Absichten hatten, leider nicht immer und geben schnell auf. Dass dann jemand anderes mal mit ihm spielt und ich einen Moment Pause habe, kommt selten vor. Irgendwann habe ich es aufgegeben und ihn kaum noch irgendwo mit hingenommen.

Normalerweise habe ich nie was dazu gesagt. Aber dieses Mal war ich so traurig, dass ich dachte, ich kann eigentlich auch mal meine Gefühle äußern. Das sind schließlich meine Freunde. Und so schrieb ich einer meiner Freundinnen, wie schlecht es mir ging, und dass ich mir gewünscht hätte, ein wenig mehr Beachtung zu bekommen.

Sie antwortete: „(…) Ich dachte zwischendurch, dass ich auf dich zugehen sollte, aber mir war nicht klar, was ich tun sollte. Du warst so im Stress und auf den Kleinen konzentriert, dass mir nicht klar war, was eine Hilfe gewesen wäre (…) Ich dachte, dass es sich für dich nicht gut anfühlt, wenn die ganze Aufmerksamkeit zu dir geht, wenn er schreit und du bei ihm bist“. Zwei weitere Freunde schrieben mir von sich aus auch noch und fragten mich, was mir helfen würde. Es war also ganz anders, als von mir wahrgenommen!

Die Leute waren nicht gleichgültig, sondern höchstens verunsichert und vielleicht auch hilflos. Keiner von ihnen hat Kinder. Keiner weiß, wie das ist und niemand weiß, wie man einer Mama in diesem Moment am besten beisteht. Schon mal die Sachen zusammenpacken. Sich vielleicht einfach daneben setzen und bei der Mama sein, selbst wenn sie gerade nicht reden kann. Kurz „Ach, scheiße, du Arme. Deinem Sohn geht’s ganz schlecht, oder? Brauchst du was?“ fragen. Sie wissen auch nicht, dass man sich zurückziehende Kinder, die sich hinter der Mama verstecken, nicht sofort ganz nah und laut ansprechen sollte, und eine Reaktion erwarten sollte, sondern dass man sich da lieber ganz vorsichtig nähert. Sie wissen vieles nicht.

Natürlich nicht! Wie könnten sie! Vieles davon weiß man nur, wenn man selbst durch diese Momente gegangen ist und entweder eigene Kinder hat oder – wie ich es oft bei ausländischen Freunden beobachte – der Umgang mit Kindern in der eigenen Kultur und Familie ganz normal ist. Und natürlich verstehen mich stattdessen andere Mütter häufig wortlos. Sie wissen Bescheid. Ich brauche nichts erklären, um nichts bitten, nicht signalisieren, was mir helfen würde.
Aber deswegen muss ich noch lange nicht meinen Sohn komplett aus meinem kinderlosen Freundeskreis heraushalten. Das fühlt sich für mich auf Dauer auch nicht gut an. Stattdessen sollte ich zwei Dinge tun:

(1) Mir vorher bewusst klarmachen, dass sie nicht automatisch wissen, wie man am besten mit meinem Sohn umgehen kann und die eigenen Erwartungen senken.
(2) Deutlicher signalisieren, was mir helfen würde.

Denn sie möchten für mich da sein und mir beistehen. Es sind sehr gute Freunde. Und dafür kann ich mal meine Vorstellung ablegen, dass ich Menschen nicht beanspruchen darf und dass ich alles alleine schaffen muss. Diese Menschen sprechen von Gemeinschaft und Verbundensein. Wenn sie es ernst meinen – und das tun sie – dann werden sie eine Mutter nicht ausgrenzen, sondern in die Mitte nehmen, auch, wenn das Kind brüllt.

Aber, und das habe ich verstanden, nachdem ich die Antwort meiner Freundin gelesen habe, man muss ihnen auch dabei helfen! Was einem ganz selbstverständlich und offensichtlich vorkommt, das ist es deswegen noch lange nicht. Ich denke, ich habe etwas dazugelernt. Bald mache ich nochmal ein „get together“. Aber ein kleineres, mit weniger Leuten, und vielleicht bei uns um die Ecke im bekannten Park. Ich muss das mit dem Signalisieren ja schließlich ein wenig üben. Und, wenn einige von ihnen später mal selbst Kids bekommen, dann wird ihnen jede Kinder-Übungseinheit zugute kommen 😉 Ist also völlig selbstlos, das Ganze!

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