Die hat es ja so gewollt!

Kommentare unter Artikeln zu Alleinerziehenden. Und was ich dazu zu sagen habe.

„Vielleicht sollte man die Eltern evtl. auch unter Zwang dazu bringen, sich zusammenzureißen und die Erziehung IHRER Kinder gemeinsam zu hinzubekommen. Schließlich haben sie die Zeugung ja auch gemeinsam bewerkstelligt“*

„Warum sollte die Solidargemeinschaft die wirtschaftlichen Nachteile derjenigen, die sich gegen eine vollständige Familie entscheiden, ausgleichen?“*

„Sie sind für ihr Schicksal selbst verantwortlich und nehmen eine unerträgliche gesellschaftliche Aufmerksamkeit und Fürsorge in Anspruch. In dem Maße wie sie den anderen Elternteil aus dem Wege räumen, wollen sie stattdessen die Gesellschaft in die Verantwortung nehmen…. Widerlich!“*

Ich weiß, ich weiß. Ich darf mir das gar nicht erst durchlesen. Und ich weiß auch, dass Alleinerziehende bei weitem nicht die einzigen sind, die im Internet mit abfälligen Bemerkungen, hämischer Schadenfreude, verächtlicher Selbstgefälligkeit bis hin zu extremen Hasstiraden bombardiert werden. Und eine goldene Regel lautet ja: Don’t feed the troll – oder auch: Don’t read the troll!

Ich kann es aber nicht lassen. Ich tu es trotzdem immer wieder. Jedes Mal, wenn ich irgendwo online einen Artikel über Alleinerziehende lese (meist handeln sie von hoher wirtschaftlicher Belastung), scrolle ich wie paralysiert durch die Kommentare. Danach bin ich meistens ziemlich niedergeschmettert. Meine ungute Vermutung ist nämlich, dass es keine Ausnahmen und Trolls sind, die solche Dinge verfassen, sondern ein großer Anteil der Bevölkerung. Und dass sie eine Haltung unverblümt und auf extrem hässliche Weise aussprechen, die überall in der Luft liegt. Auch, wenn sie selten so deutlich ausgesprochen wird, sondern oft blumiger verpackt wird.

„Wenn ich aus „emotionalen“ Gründen entscheide, das Studium zu schmeißen, kann mir das auch niemand verbieten. Aber jeder muss mit den Konsequenzen seiner Entscheidungen leben. Auch Alleinerziehende.“*

Der hinter tausenden solcher Kommentare liegende Vorwurf lautet:

Sie**(die Mutter in den meisten Fällen) hat sich aus egoistischen Gründen dafür entschieden, die Familie zu zerstören statt zurückzustecken und sich „zusammenzureißen“. Aufgrund von an Lächerlichkeit grenzender Unfähigkeit und/oder narzisstischer Vergnügungssucht, hat sie rücksichtslos das eigene Glück vor das aller anderer gestellt. Alleinerziehend zu sein ist also ein selbstgewählter Lebensentwurf. An ihren Kindern hat die Mutter für alle Zeit ein schreckliches Verbrechen begangen. Die schweren wirtschaftlichen Konsequenzen dieser Entscheidung sind gefälligst allein zu tragen. Interessanterweise wird den Frauen gleichzeitig vorgeworfen, sich an der Allgemeinheit zu bereichern und auf Kosten der Steuerzahler wie die Maden im Speck zu leben.

„Offenbar ist das Modell ‚alleinerziehend‘ inzwischen dermaßen attraktiv, dass sich Millionen Frauen dafür entscheiden – zum Nachteil der Kinder und der Steuerzahler.“*

Dem kann man aber harte Fakten entgegensetzen: Nach dem Armutsbericht der Bundesregierung haben Haushalte von Alleinerziehenden mit 40% die höchste Armutsrisikoquote. Die soziale Hängematte und Steuererleichterung, weil man alleinerziehend ist? Naja. Die Steuerklasse 2 ist ein ziemlicher Witz. Man kann ganze 1908 € jährlich steuerlich anrechnen (240€ zusätzlich für jedes weitere Kind). Bei mir macht das ganze 50€ Unterschied im Monat, ich werde also fast so stark besteuert wie ein Single, der nur sich selbst versorgen muss. Schließlich bin ich ja auch Single! Nur mit dem Unterschied, dass ich weniger arbeiten kann und höhere Kosten habe. In eine WG darf ich aber nicht ziehen, um mich zu entlasten, denn Steuerklasse 2 greift nur, wenn man nachweislich allein lebt. Sich den Kühlschrank und die Kosten für das Klopapier zu teilen, ist ja schon eine erhebliche Aufteilung der wirtschaftlichen Last, da wäre ein Entlastungsbeitrag offenbar völlig überzogen. Im Vergleich: Durch das Ehegattensplitting ist es möglich, bis zu 15.000€ Steuern im Jahr zu sparen – völlig unabhängig davon, ob man Kinder hat oder nicht. Also: „attraktives Lebensmodell“, das sich wirtschaftlich lohnt? NEIN!

Na gut, Steuern sind das eine. Aber im Unterhalt schwimmen sie doch, die Alleinerziehenden. Sie leben also zumindest auf Kosten der Väter, die zum Zahl-Esel degradiert werden, aber böswillig die Kinder vorenthalten bekommen, so eine gängige Meinung:

„Im Normalfall untersagen Frauen dem Mann den Kontakt zum Kind und nutzen den Mann nur als Geldsack.“*

Das ist das nicht totzukriegende Pauschalargument, Mütter enthalten den Vätern ihre Kinder vor, treiben aber hartherzig Unsummen von Unterhalt ein. Leider zahlen den aber nur 50% der Unterhaltspflichtigen entsprechend der gesetzlichen Bestimmungen, weitere 25% zahlen zu wenig oder unregelmäßig; weitere 25% keinen Cent (Zahlen vom VAMV). Warum das so ist, dazu liegen meines Wissens nach keine wissenschaftlichen Untersuchungen vor. Viele argumentieren, dass die Väter (90% der Alleinerziehenden sind Mütter) das nicht tun, weil sie systematisch „entsorgt“ und von ihren Kindern ferngehalten werden. Es gibt diese Fälle sicher und man muss sich dieser Problematik annehmen. Ich glaube dennoch nicht, dass sie den Regelfall darstellen. Wissen tue ich es aber nicht. Mir ist es zumindest wichtig, dass das Problem der Unterhaltsprellerei nicht mit einem Whataboutism zu Tode geschwiegen und abgetan wird. (Als Whataboutism bezeichnet man die Gesprächstechnik, auf eine Anschuldigung, Kritik oder oder eine schwierige Frage mit einer Gegenfrage („Und was ist mit…?“)zu antworten oder ein anderes Thema aufzugreifen.) Und im Übrigen ist Kindesunterhalt keine Tauschleistung für Umgang, sondern dient der wirtschaftlichen Versorgung des Kindes (nicht der Mutter!). Und schließlich gibt es manchmal gibt es sehr gute Gründe, den Vater fernzuhalten – Stichwort Partnerschaftsgewalt – deren Opfer nach einer Statistik vom BKA zu 82% Frauen werden. Aber dazu ein andermal mehr.

Zwischenfazit: Selbst, wenn das „Modell Alleinerziehend“ selbst gewählt sein sollte, lukrativ ist es sicher nicht. Aber wir sollen ja unsere Konsequenzen selbst tragen! Aber was ist, wenn sie es gar nicht wollte – und er sie beispielsweise verlassen hat? Und sich dann trotzdem schlicht weigert, Unterhalt zu zahlen? Auch dann ist sie verantwortlich- schließlich hat sie ihn ja selbst ausgesucht! Sie war einfach dämlich, mit so einen Vollidioten ein Kind zu zeugen. Und somit ist sie selbst schuld an allem:

„Wichtig wäre Druck vom Amt auf potentielle Mütter, sich nicht von zahlungsunfähigen oder – unwilligen Vätern schwängern zu lassen.“*

Hier handelt es sich um eine klassisches Beispiel von Verantwortungsumkehr. Statt diese Väter mehr in die Fürsorge- und Zahlungspflicht (also kurz gesagt, in die Verantwortung im Allgemeinen) zu nehmen, wird den Frauen vorgeworfen, sich selbst aus Dummheit in diese Situation gebracht zu haben. Die Argumentation ist die gleiche, wie einer vergewaltigten Frau zu erzählen, sie habe ja freiwillig diesen kurzen Rock angezogen und sei somit – zumindest teilweise – selbst für das Verbrechen verantwortlich. Sie hätte es besser wissen müssen.

Was würde denn helfen, um die Missstände zu beseitigen? Auch darauf werden schnell Antworten gefunden:

„Für jede Kleinigkeit braucht man Führerscheine und Zeugnisse! Nur bei der Familiengründung haben ahnungslose Laien unkontrolliert freie Bahn. Sie bringen sich dann eben das Totschütteln ihrer Kleinen selber bei. Was sind wir doch für eine bewundernswerte, moderne und reife Zivilisation.“*

Es wird immer schnell nach einem Elternführerschein geschrien! Mich schaudert es immer sehr bei solchen Kommentaren, denn sie erinnern mich stark an eine Zeit, in der staatlich reglementiert wurde, wer Kinder bekommen durfte und wer stattdessen zwangssterilisiert wurde. Der Rechtsruck ist in den Kommentarspalten zu sozialen und gesellschaftlichen Themen deutlich spürbar und macht mir Angst. Überall ist zu bemerken, dass auf den Schwächsten rumgehackt wird und die meiste Missgunst gegenüber den Opfern eines menschenverachtenden globalen Systems herrscht. Statt auf die gewaltigen Steuererleichterungen Höchstverdienender und Höchstbesitzender zu schauen und die massive Ungleichverteilung der Ressourcen unserer schönen Erde anzuprangern, wird sich mokiert, dass z.B. Frauen, die alleine Kinder großziehen, ein bisschen Unterhaltsvorschuss oder Wohngeld bekommen. Was anscheinend niemand bemerkt, ist, wie das Märchen vom „self made man“ (Du kannst alles schaffen, wenn du dich nur genug anstrengst) uns systematisch daran hindert, Missstände klar zu benennen und die Verantwortlichen auch zur Verantwortung zu ziehen. Denn „Die Alleinerziehende hat sich selbst so entschieden, sie ist also selbst verantwortlich“ ist leider die hässliche Kehrseite der modernen „Du kannst alles erreichen“-Fabel, der auch wir Gebildeten aufsitzen***.

Ich bin allerdings auch immer wieder froh, auch kluge Kommentare zu lesen und zu sehen, dass es auch viel Widerstand gegen verhetzende und hämische Aussagen gibt. Es wird öffentlich diskutiert, ob man auf diese Hasskommentare überhaupt reagieren soll. Aus Sicht einer Betroffenen kann ich sagen, dass es für mich einen sehr großen Unterschied macht, wenn ein anonymer Mensch irgendwo mit seiner durchdachten Aussage und seinem Widerstand für mich und andere Betroffene eintritt und den diffamierenden Schmährufen etwas entgegensetzt.

Ich danke allen Menschen, die sich die Zeit und Mühe gemacht haben, gegen eine Wand aus rechten, meist frauenfeindlichen Hasskommentaren anzuschreiben. Ich lese das und es bedeutet mir viel. Macht weiter!

*alle Kommentare gefunden auf www.zeit.de und wörtlich (nicht inhaltlich) leicht abgeändert

**Ja, ich schreibe hier aus Sicht einer Frau. Auch alleinerziehende Väter haben große Probleme. Und Frauen sind nicht die besseren Menschen. Aber ich weigere mich, den Sachverhalt so darzustellen, als hätte das Geschlecht mit der Problematik nichts zu tun. Meiner Meinung nach gibt es ein großes Ungleichgewicht in der gesellschaftlichen Macht zwischen den Geschlechtern und dieses ist nicht dadurch wegzudiskutieren, dass es „aber auch Frauen gibt, die… XY“ (siehe Whataboutism),

***Ich vertrete durchaus die Ansicht, dass man möglichst selbst beeinflussen sollte, wie es einem geht, was beispielsweise durch Einstellungsänderungen, Yoga, Meditation, Umschulung, neue Strategien etc etc. möglich ist. ABER das bedeutet nicht, dass man im Umkehrschluss für jedes Problem selbst verantwortlich ist. Diese Haltung ist nämlich sehr bequem für all diejenigen, die vom momentanen System schön profitieren. Und ich bin davon überzeugt, dass die Umstände extrem stark beeinflussen, in welchem Rahmen ich mich bewegen kann. Allein, dass ich lesen und schreiben kann – habe ich NICHT mir selbst zu verdanken!

2 Kommentare zu „Die hat es ja so gewollt!

Gib deinen ab

  1. Liebe Mama Minimalista, all deine genannten Punkte haben ihre Berechtigung! Es wäre so schön, deinen Artikel in der “Zeit“ zu lesen und nicht die Meinungen derer, die aus Unverständnis, Unwissenheit oder schlichter Dummheit wie oben gezeigtkommentieren!

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